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5 Fragen an Dr. Henrik Matthies, Managing Director des Health Innovation Hub des Bundesministeriums für Gesundheit

14.10.2019

Deutschland hat im Gesundheitssektor großen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung. Was lässt Sie optimistisch werden, dass das Thema ausgerechnet jetzt neuen Drive bekommt?
„Wir haben einen Gesundheitsminister, der aktiv mitgestaltet, Fragen, die wir seit z.T. 10 Jahren hin und her diskutieren, mutig entscheidet und dabei auch Konflikten mit den beteiligten Akteuren nicht aus dem Weg geht.
Darüber hinaus ist für fast alle Deutschen das Smartphone heute Alltagsbegleiter und -helfer. Damit ist die wesentliche technische Accessibility-Hürde genommen. Und gleichzeitig ist nach 15 Jahren gematik allen Beteiligten klar, dass die Digitalisierung kommt bzw. schon da ist – und wir allmählich die letzte Chance ergreifen müssen, wenn wir diese autonom gestalten wollen. Das Zeitfenster dieser Chance wird sich in den kommenden zwei Jahren aller Voraussicht nach schließen.“
Die neuen Vorstände des bvitg.
Dr. Henrik Matthies, Managing Director at Health Innovation Hub des Bundesministeriums für Gesundheit
Sie sind Managing Director des Health Innovation Hubs. Was ist Ziel dieser Initiative und wie verstehen Sie Ihre Arbeit?
„Der health innovation hub ist Think Tank und Sparring Partner für das BMG und nachgeordnete Behörden, sowie Dialog-Plattform für alle Akteure des Gesundheitswesens. Unser Team von 14 praxiserfahrenen Experten unterstützt das BMG bei allen wesentlichen Projekten der Digitalisierung, insbesondere mit Hinblick auf praktische Umsetzungsfragen. Außerdem bringen wir unsere internationale Expertise ein, damit wir in Deutschland in die Lernkurve der Digitalisierung möglichst mittig einsteigen.“
Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von der digitalen Gesundheitswirtschaft, vor allem von den großen Konzernen und wie binden Sie diese künftig in die Arbeit des hih mit ein?
„Innerhalb der gematik-Spezifikationen bauen wir gerade eine basale Infrastruktur auf, um überhaupt anfangen zu können, Daten und Informationen zwischen allen Akteuren und den Versicherten auszutauschen. Die großen Konzerne verfügen hier sowohl über die Erfahrung als auch über Scale und Finanzierungsmöglichkeiten, dies umzusetzen.
Im zweiten Schritt wird es darum gehen, diese Infrastruktur mit Leben zu füllen. Und auch da können die etablierten Industriepartner ihre Erfahrung, Scale und langen finanziellen Atem ausspielen, um Plattformen zu entwickeln, die unsere Versorgung verbessern.
Viele Features und Einzelanwendungen werden von Startups kommen. Aber jetzt besteht noch die Chance, Plattformen und Ökosysteme zu entwickeln.
Wie kann es uns allen künftig besser gelingen, die unterschiedlichen Akteure des Gesundheitssystems und ihre Partikularinteressen in die Entwicklung digitaler Lösungen einzubinden?
„Das ist eine gute Frage, und bedarf wahrscheinlich einer langen Antwort. In Kürze: Alle Länder, die erfolgreich digitalisiert haben, hatten gemein, dass es einen starken staatlichen Akteur gab, der Rahmenbedingungen gesetzt hat. Das kann man gut oder schlecht finden, aber ohne scheint es wohl bisher nicht zu gehen.
Wir müssen die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens auch als vordringlich nationale Aufgabe verstehen. Entscheiden wir jetzt nicht vernünftig und im Gesamtinteresse, werden wir in 2-3 Jahren gar nicht mehr die Autonomie haben, dies selbst zu bestimmen. Schon heute hängen wir stark von den Rahmenbedingungen v.a. amerikanischer Technologie-Konzerne ab. Das wird sich in den nächsten Jahren dramatisch beschleunigen.
Außerdem bin ich überzeugt, dass wir eine stärkere Diversität und ein tieferes technologisches Verständnis bei den EntscheiderInnen der unterschiedlichen Akteure benötigen. Aus der Technologie-Welt kommend muten viele Diskussionen wie ritualisierte Prozesse an, denen oft der Bezug zur konkreten technologischen Praxis fehlt. Zudem haben in den letzten 2 Jahrzehnten fast ausschließlich mittel-alte weiße Männer entschieden. Der Status der Digitalisierung gibt dem bisherigen Denk- und Entscheidungsmustern zumindest nicht Recht.
Welches Digital-Health Vorhaben würden Sie ganz persönlich gerne beschleunigt wissen und warum?
„Ich hätte als Versicherter gerne eine verlässliche Quelle neutraler Gesundheitsinformationen, die ich auch als Nicht-Mediziner verstehe, und aus denen ich ableiten kann, welchen nächsten Schritt ich in dem Gesundheitswesen gehen sollte. Am besten wäre dies eingebettet in meine elektronische Gesundheitsakte (ePA), hätte noch eine Terminbuchungsfunktion und all die anderen digitalen Lösungen, die wir in allen anderen Lebensbereichen längst für gegeben hinnehmen.“